Richard Wagner:

Wesendonck-Lieder (Five Songs to Texts by Mathilde Wesendonck)
 

Der Engel 

In der Kindheit frühen Tagen 
Hört ich oft von Engeln sagen, 
Die des Himmels hehre Wonne 
Tauschen mit der Erdensonne, 

Daß, wo bang ein Herz in Sorgen 
Schmachtet vor der Welt verborgen, 
Daß, wo still es will verbluten, 
Und vergehn in Tränenfluten, 

Daß, wo brünstig sein Gebet 
Einzig um Erlösung fleht, 
Da der Engel niederschwebt, 
Und es sanft gen Himmel hebt. 

Ja, es stieg auch mir ein Engel nieder, 
Und auf leuchtendem Gefieder 
Führt er, ferne jedem Schmerz, 
Meinen Geist nun himmelwärts! 
 

Stehe still! 

Sausendes, brausendes Rad der Zeit, 
Messer du der Ewigkeit; 
Leuchtende Sphären im weiten All, 
Die ihr umringt der Weltenball; 
Urewige Schöpfung, halte doch ein, 
Genug des Werdens, laß mich sein! 

Halte an dich, zeugene Kraft, 
Urgedanke, der ewig schafft! 
Hemmet den Atem, stillet den Drang, 
Schweigt nur eine Sekunde lang! 
Schwellende Pulse, fesselt den Schlag; 
Ende, des Wollens ew'ger Tag! 

Daß in selig süßem Vergessen  
Ich mög' alle Wonne ermessen! 

Wenn Auge in Auge wonnig trinken, 
Sehe ganz in Seile versinken; 
Wesen in Wesen sich wiederfindet, 
Und alles Hoffens Ende sich kündet, 
Die Lippe verstummt in staundendem Schweigen, 
Keinen Wunsch mehr will das Innre zeugen: 
Erkennt der Mensch des Ew'gen Spur,  
Und löst dein Rätsel, heil'ge Natur! 
  

Im Treibhaus 

Hochgewölbte Blätterkronen, 
Baldachine von Smaragd, 
Kinder ihr aus fernen Zonen, 
Saget mir, warum ihr klagt? 

Schweigend neiget ihr die Zweige, 
Malet Zeichen in die Luft, 
Unde der Leiden stummer Zeuge 
Steiget auftwärts, süßer Duft. 

Weit in sehnendem Verlangen 
Breitet ihr die Arme aus 
Und umschlinget wahnbefangen 
Öder Leere nicht'gen Graus. 

Wohl ich weiß es, arme Pflanze: 
Ein Geschicke teilen wir, 
Ob umstrahlt von Licht und Glanze, 
Unsre Heimat is nicht hier! 

Und wie froh die Sonne scheidet 
Von des Tages leerem Schein, 
Hullet der, der wahrhaft leidet, 
Sich in Schweigens Dunkel ein. 

Stille wird's ein säuselnd Weben 
Fullet bang den dunklen Raum: 
Schwere Tropfen seh' ich schweben 
An der Blätter grunem Saum. 
  

Schmerzen 

Sonne, weinest jeden Abend 
Dir die Schönen Augen rot, 
Wenn im Meeresspiegel badend 
Dich erreicht der frühe Tod; 

Doch erstehst in alter Pracht, 
Glorie der düstren Welt, 
Du am Morgen, neu erwacht, 
Wie ein stolzer Siegesheld! 

Ach, wie sollte ich da klagen, 
Wie, mein Herz, so schwer dich sehn, 
Muß die Sonne selbst verzagen, 
Muß die Sonne untergehn? 

Und gebieret Tod nur Leben, 
Geben Schmerzen Wonnen nur: 
O wie dank'ich daß gegeben 
Solche Schmerzen mir Natur. 
  

Träume 

Sag', welch' wunderbare Träume 
Halten meinen Sinn umfangen, 
Daß sie nicht wie leere Schäume 
Sind in ödes Nichts vergangen? 

Träume, die in jeder Stunde, 
Jedem Tage schöner blühn 
Und mit ihrer Himmelskunde 
Selig durchs Gemüte ziehn? 

Träume, die wie hehere Strahlen 
In die Selle sich versenken 
Dort ein ewig Bild zu malen; 
Allvergessen, Eingedenken! 

Träume, wie wenn Fruhlingsonne 
Aus dem Schnee die Blüten küßt, 
Daß zu nie geahnter Wonne 
Sie der neue Tage begrüßt, 

Daß sie wachsen, daß sie blühen, 
Träumend spenden ihren Duft, 
Sanft an deiner Brust verglühen 
Und dann sinken in die Gruft.

The Angel 

In my childhood's early days  
oft I heard tales of angels  
who trade heaven's blissful sublimity  
for the earth's sunshine; 

heard that, when a heart in sorrow  
hides its grief from the world,  
that it bleeds in silence, and  
dissolves in tears, 

offers fervent prayers  
for deliverance: 
then the angel flies down  
and bears it gently to heaven. 

Yes, an angel came down to me also  
and on shining wings  
bears my spirit from all pains 
heavenwards. 
 

Stand Still! 

Rushing, roaring wheel of time,  
you measure of eternity,  
shining spheres in the vast firmament,  
you that encircle our eathly sphere: 
eternal creation, stop!  
Enough of becoming: let me be! 

Cease, generative powers,  
primal thought, that endlessly creates;  
stop every breath,  
still every urge, give but one moment of peace!  
Swelling pulses, restrain your beating: 
end, eternal day of the will! 

So that in sweet forgetfuilness  
I may taste the full meaure of my joy! 

When eye gazes blissfully into eye,  
soul drowns in soul;  
being finds itself in being,  
and the goal of all hopes is near;  
when lips are mute in silent amazement 
and the soul has no further wish: 
man knows eternity's footprint  
and solves your riddle, divine Nature! 
  

In the Hothouse 

High-arching leafy crowns,  
canopies of emerald  
you children of distant lands,  
tell me, why do you lament? 

Silently you incline your branches,  
tracing signs in the air,  
and, mute witness to your sorrows,  
there rises a sweet perfume. 

Wide in longing and desire  
you spread your arms out  
and embrace, in self-deception  
barren emptiness, a fearful void. 

WeIl I know it, poor plant!  
We share the same fate. 
Although the light shines brightly round us,  
our home is not here! 

And, as the sun gladly quits  
day's empty brightness,  
so he who truly suffers 
wraps himself in the dark mantel of silence. 

It grows quiet, an anxious rustling  
fills the dark room; 
I see the heavy drops hanging  
from the leaves' green edges. 
  

Sorrows 

Sun, you weep every evening  
until your lovely eyes are red,  
when, bathing in the sea,  
you are overtaken by your early death: 

but you rise again in your former splendor,  
the glory of the dark world;  
fresh awakened in the morning  
like a proud and conquering hero! 

Ah, then, why should I complain,  
why should my heart be so heavy,  
if the sun itself must despair,  
if the sun itself must go down? 

And, if only death gives birth to life,  
if only torment brings bliss: 
then how thankful I am that Nature  
has given me such sorrows. 
  

Dreams 

Say, what wondrous dreams  
hold my soul captive,  
and have not, like bubbles,  
disappeared into darkest night? 

Dreams, which in every hour  
of every day beautifully bloom  
and with their heavenly imitations  
blissfully float through my mind? 

Dreams, that like glorious rays  
penetrate the soul,  
there to leave an everlasting impression: 
All-forgetting, single-minded! 

Dreams, as when the spring sun  
kisses blossoms from the snow,  
that to undreamed-of bliss  
the new day can greet them, 

So they grow, so they flower,  
dreamily casting their scent,  
softly fade upon your breast,  
and then sink into their grave.